Kreativleistungen aus Billiglohnländern

9:30 morgens, mein Mobiltelefon klingelt. Nichtsahnend hebe ich ab und es schallt mir Englisch mit indischem Akzent entgegen: „Yes, hello is this Matthias?“, im Hintergrund Geräusche aus einem fahrenden Auto im Großstadtlärm. Perplex antworte ich und werde umgehend in ein Gespräch verwickelt, von dem ich den Ausgang schon jetzt kenne. Ich versuche der Dame, nennen wir sie Priya, höflich zu erklären, dass wir unser Business absichtlich klein und fein halten wollen und deshalb nicht an einer Kooperation mit indischen „Designern“ interessiert sind, aber trotzdem versucht mich die Dame immer wieder zu einer verbindlichen Aussage zu bewegen. Ziel ist, an den drei Tagen, an denen sich ihre „Delegation“ in Wien aufhält, zu einem Meeting nach Wien zu kommen. Nachdem sie einfach nicht aufgeben will schaffe ich es endlich sie abzuwimmeln, da kommt auch schon das erste Mail. Ob unser Termin für einen dieser drei Tage steht? Und noch ein Mail. Es wird mir zu bunt, ich antworte nicht mehr.

Was auf den ersten Blick wie ein verzweifeltes Angebot aus einem Land mit billigen Löhnen wirkt, ist in Wahrheit big business. Hunderte, wenn nicht sogar Tausende in der Kreativwirtschaft der westlichen Welt lagern mittlerweile Kreativarbeit ins Ausland, bevorzugt nach Indien, China und Ozeanien aus. Die Vorteile für die Agenturen und DesignerInnen liegen auf der Hand: Man selbst spart sich jene Arbeitszeit, die man sowieso nur für nerviges Freistellen oder den x-ten Logoentwurf braucht, hat einen kleinen bürokratischen Aufwand und verrechnet dem/der Kunden/Kundin dann trotzdem seinen eigenen Stundensatz. Dass immer wieder auch mal ein „faules Ei“ unter den Anbietenden ist, ist ärgerlich, gehört aber dazu und nach mehreren Anläufen findet man dann auch den Asham, die Devi oder den Xi, der halbwegs gutes Englisch spricht und die Designs so hinbekommt dass es dem/der Kunden/Kundin nicht auffällt. Händereibend lacht der/die Kreative, denn Gewinn ist quasi vorprogrammiert.

Was aber von den Werbetreibenden bewusst vernachlässigt wird, ist der Kundennutzen. Hat der/die Kunde/Kundin wirklich einen Mehrwert dadurch, dass es statt drei guten Logoentwürfen zehn mittelmäßige gibt, die auch ein Logo-Generator online ausspucken könnte? Bringt es ihr/ihm etwas, wenn die Schema-F-Broschüre mit hundertfach verwendeten Stockfotos auch von tausenden anderen Firmen benutzt wird? Kann man sich so von der Konkurrenz abheben? Bei vielen Gestaltungsmedien geht es auch stark um den sprachlichen Kontext. Wenn das Design nicht mit der (meistens in Landessprache) wörtlich kommunizierten Botschaft harmoniert, verkommt das Design zum Fleckerlteppich und verliert die Überzeugungskraft – die Vietnamesin, die so schöne T-Shirts macht, kann halt aber leider nur etwas Englisch. Und weiß sie überhaupt wie die österreichischen, deutschen etc. Kunden ticken? Weiß sie, welche Strategien sich bewährt haben und dass gewisse Farben, Schriften und Symbole vorbelastet sind? Schlussendlich ist da auch noch dieses Gefühl des Ausgenutztwerdens, wenn der/die Kreative 80€ einstreicht, obwohl die Arbeit in China erledigt wurde und eigentlich nur 8€ gekostet hat. Mich persönlich würde es ziemlich ärgern, wenn mir der Installateur einen Boiler einer Qualitätsmarke verkauft und dann plötzlich doch ein Billigteil dasteht.

Summa summarum könnte man also sagen: Wer Masse ohne feine Klinge sucht, ist bei den Kreativen aus Billiglohnländern, sowie den Agenturen die sie beauftragen gut aufgehoben. Wer Klasse sucht und sich im Nachhinein nicht ärgern will sollte auf lokale Profis vertrauen.

Während ich zu dieser Erkenntnis komme, hat mein Handy schon wieder zweimal geläutet. Erst jetzt fällt mir auf: Priya ruft jedes Mal direkt aus Indien an! Wahnsinn, wie viele Kunden werden da wohl systematisch durchgeklingelt? Da steckt mehr Budget dahinter als anfangs gedacht… Nach dutzenden Anrufen und Mails, auf die ich einfach keine Zeit finde zu antworten, melde ich mich dann irgendwann doch und teile Priya mit, dass wir ein für alle Mal keine Lust haben in irgendeiner Weise zusammenzuarbeiten und dass wir auch nicht zu dem Meeting (dem wir nie zugesagt haben) kommen werden - denn dieser Psychoterror ist nicht Business, wie wir es hier bei uns gewohnt sind. Im Nachhinein denke ich mir: „Gut, dass du abgesagt hast“. Am Ende schicken Sie mir noch eine Rechnung für ihre Flüge nach Wien. Mental stelle ich mich aber schon auf das nächste Mail von Priya ein.

Matthias Königsberger

Grafikdesign